Hömma! Wer meint, im Ruhrgebiet gäbe es nur Kohle, Stahl und graue Fassaden, der hat den Schuss nicht gehört. Das Revier ist grün, laut, herzlich – und vor allem: hungrig!
Die Küche hier ist ein Spiegelbild der Geschichte: Im 19. und 20. Jahrhundert strömten Arbeiter aus Polen, später aus Italien, der Türkei und Griechenland hierher, um „auf Schicht“ zu malochen. Was dabei herauskam, ist eine einzigartige Mischung aus westfälischer Bodenständigkeit, rheinischer Frohnatur und internationalen Einflüssen.
Hier wird nicht krampfhaft „dekonstruiert“ oder an Schaum-Süppchen genippt. Hier muss das Essen satt machen, Kraft geben und glücklich machen. Schnall dich an, wir machen eine ausführliche kulinarische Reise quer durch den Pott!
1. Die „Heilige Dreifaltigkeit“ der Imbissbude
Die „Bude“ (Trinkhalle oder Imbiss) ist das verlängerte Wohnzimmer des Ruhrgebietsmenschen. Hier sind alle gleich, ob Professor oder Putzkraft.
A. Die Currywurst (Das Original)
Berlin reklamiert sie für sich, Hamburg auch – aber im Ruhrgebiet ist sie Religion. Herbert Grönemeyer hat sie nicht umsonst besungen.
- Der Unterschied: Im Gegensatz zur Berliner Variante wird die Wurst im Pott oft (nicht immer) ohne Darm serviert und in mundgerechte Stücke geschnitten (per Maschine, dem „Currywurst-Häcksler“).
- Die Sauce: Das Geheimnis liegt in der Sauce. Sie ist hier meist fruchtiger, sämiger und würziger als anderswo.
- Die Pilgerstätte: Wer in Bochum ist, muss zum „Bratwursthäuschen“ oder eine Wurst von Dönninghaus essen. Das ist Kulturgut. Die Sauce ist dort so berühmt, dass man sie eimerweise für zu Hause kaufen kann.
B. Die Frikadelle (Der „Bremsklotz“)
Wenn es mal schnell gehen muss und keine Zeit für Pommes ist, greift man zur Frikadelle. Kalt oder warm, mit Senf. Im Pott heißt sie oft liebevoll „Bremsklotz“ oder „Maurerforelle“. Sie muss handfest sein, gut gewürzt und einen ordentlichen Anteil an eingeweichtem Brötchen haben, damit sie saftig bleibt.
C. Pommes Schranke
Die Beilage, die oft zur Hauptsache wird. Dicke, belgisch inspirierte Fritten. „Schranke“ steht für die Farbkombination Rot-Weiß (Ketchup & Mayo), die an Bahnschranken erinnert. Ein Muss dazu: Ein kleiner Plastik-Piekser.
2. Der Tradition verpflichtet: Westfälische Klassiker
Das östliche Ruhrgebiet (Dortmund, Hamm, Unna) ist historisch westfälisch geprägt. Und Westfalen mögen es deftig.
Pfefferpotthast (Dortmunder Gold)
Das ist das Traditionsgericht, das jeden Food-Trend überlebt hat.
- Was ist drin? Rindfleisch, das so lange geschmort wird, bis es zerfällt. Das Besondere ist die Bindung: Es wird kein Mehl und keine Sahne verwendet, sondern eine riesige Menge Zwiebeln, die komplett zerkochen und die Sauce sämig machen.
- Der Geschmack: Würzig, pfeffrig, lorbeer-lastig.
- Die Beilage: Klassisch nur Gewürzgurke und Rote Bete, dazu Salzkartoffeln. Und im Sommer? Ein „Stößchen“ (ein kleines Bier zwischendurch) und ein Brötchen dazu. Fertig.
Panhas
Früher ein „Arme-Leute-Essen“ zur Resteverwertung nach der Schlachtung, heute eine Delikatesse für Kenner. Es ist eine Art Fleischpastete aus Brühe, Blut, Speck und Buchweizenmehl. Sie wird in dicken Scheiben in der Pfanne knusprig gebraten (innen bleibt sie weich).
- Profi-Tipp: Panhas schmeckt am besten in der Kombination süß-herzhaft. Also unbedingt Rübenkraut oder Apfelmus dazu essen!
Blindhuhn
Keine Sorge, hier wird keinem Tier die Brille geklaut. „Blindhuhn“ ist ein Eintopf aus Westfalen, der auch im Pott bekannt ist. Der Name kommt daher, dass selbst ein blindes Huhn in diesem reichhaltigen Eintopf (mit Bohnen, Birnen, Speck und Kartoffeln) etwas Gutes findet.
3. Der Schmelztiegel: Einflüsse der „Gastarbeiter“
Ohne die türkische, polnische und italienische Community wäre der Pott kulinarisch arm dran.
- Der Döner: Man sagt, in Berlin wurde er erfunden, aber im Ruhrgebiet wurde er perfektioniert. Die Dichte an Dönerbuden ist weltweit wohl einzigartig. Hier wird das Brot oft noch selbst gebacken und die Saucen-Auswahl (Zaziki, Scharf, Cocktail) ist riesig.
- Die polnische Kante: In vielen Familienrezepten finden sich Spuren der polnischen Einwanderer aus dem späten 19. Jahrhundert. Kohlrouladen (Gołąbki) oder Schlesische Klöße sind fester Bestandteil des Sonntagsessens in vielen Bottroper oder Gelsenkirchener Haushalten.
4. Süßkram & Nostalgie
Die „Gemischte Tüte“ für ne Mark
Das ist Kindheit pur. Man geht zum Büdchen (Kiosk), zeigt auf die Plastikboxen mit Weingummis und Lakritz und sagt: „Für 2 Euro gemischt, aber keine sauren Zungen!“ Die Kiosk-Kultur im Ruhrgebiet ist immaterielles Kulturerbe. Hier gibt es nicht nur Süßes, sondern auch Klatsch, Tratsch und Seelsorge.
Herrencreme
Der Nachtisch-König. Vanillepudding wird mit Sahne gestreckt (Kalorien zählen wir heute nicht!) und mit Rum verfeinert, bis man ihn deutlich schmeckt. Dazu kommen Schokoraspeln, am besten von Zartbitterschokolade. Es gibt kein Schützenfest und keine Hochzeit im Revier ohne eine riesige Schüssel davon.
5. Flüssiges Brot: Die Bierkultur
Essen im Ruhrgebiet ohne Bier ist möglich, aber sinnlos. Jede Stadt hat ihren Lokalpatriotismus:
- Dortmund: Die ehemalige „Bierhauptstadt Europas“. Hier trinkt man Dortmunder Export (z.B. Brinkhoff’s oder Kronen). Es ist malziger und weniger herb als Pils.
- Bochum: Hier regiert Fiege. Ein herbes Pils mit Bügelverschluss. Kult!
- Essen: Hier trinkt man Stauder. Das „kleine Persönliche“.
Zum Bier gehört in der Kneipe oft ein Solei. Ein in Salzlake eingelegtes, hartgekochtes Ei. Die Zeremonie (Eigelb raus, Öl, Essig, Pfeffer in die Mulde, Eigelb wieder rein) ist der beste Eisbrecher für Gespräche am Tresen.
Fazit: Herz auf dem Teller
Das Essen im Ruhrgebiet will dich nicht beeindrucken, es will dich umarmen. Es ist ehrlich, direkt und unglaublich gesellig. Wenn du hier essen gehst, sind die Portionen groß und die Atmosphäre laut und herzlich.
Also, vergiss für ein Wochenende die Kalorientabelle. Fahr nach Bochum, Dortmund oder Duisburg, such dir eine Bude oder ein altes Brauhaus und bestell „einmal querbeet“.
Guten Hunger und Glück auf!